In diesem Beitrag wollen wir auf eine weitere Feinheit der koranischen Rhetorik eingehen. Und zwar geht es um die Verwendung von Präpositionen, welche von der zu erwartenden (gängigen) Form des Wortes in eine andere umgewandelt werden, um eine zusätzliche Bedetung auszudrücken.
Dieses etwas abstrakt wirkende Prinzip wird in den Beispielen genau erläutert.
Man wird in der Lage sein, die logische und kontextuelle passende Verwendung nachzuvollziehen.

Es folgen nun einige Beispiele

Sure 18, Vers 1

الْحَمْدُ لِلَّهِ الَّذِي أَنْزَلَ عَلَى عَبْدِهِ الْكِتَابَ وَلَمْ يَجْعَلْ لَهُ عِوَجًا
„(Alles) Lob gehört Allah, Der das Buch (als Offenbarung) auf Seinen Diener herabgesandt und daran nichts Krummes gemacht hat“

Wir sehen hier in dem arabischem Text die Verwendung „لَهُ (lahu)” , dies ist eine Präposition und bedeutet „zu ihm“. Normalerweise würde man „فيه (fihi)”, also „in dem” erwarten, weil es ja darum geht, dass es im Koran keine Krümmung, sprich Fehler und Ungenauigkeiten gibt.
Dieser Begriff „فيه (fihi)”, welcher zu erwarten wäre, wurde mit „لَهُ (lahu) – zu ihm” ersetzt, um neben der Bedeutung, dass in dem Koran keine Fehler sind, auf eine weitere Bedeutung zurückzugreifen. Trotz der Nichterwähnnung der Präposition „fihi”, hallt die Bedeutung wie ein Echo durch den Vers.
Die zusätzliche Bedeutung, welche durch „ لَهُ (lahu)-zu ihm” ausgedrückt wird, zeigt auf, dass auch von AUßEN nichts Falsches bzw. Krummes an den Koran rangeführt werden kann. Es drückt eine Art Unnahrbahrkeit aus, welche der Koran im Bezug auf Veränderung und Fehler trägt.

Wir sehen ein sich komplimentierendes Bild, welches der Koran aufzeigt, indem er die zu erwartende Präposition durch eine andere ersetzt, um die Bedeutung der unerwarteten mit einzufangen, aber gleichzeitig die der erwartenden „فيه (fihi)” nicht zu verlieren. Auf den Punkt gebracht, die Bedeutung der zu erwartenden Präposition bleibt trotz der Nicht-Verwendung eingefangen im Vers und durch die Verwendung einer unerwarteten Präposition wird eine weitere Bedeutungsebene erstellt.

Ein weiteres Beispiel ist die Verwendung der Präposition in den Vormundschaftsversen, so heißt es

وآتوا اليتامى أموالهم ۖ ولا تتبدلوا الخبيث بالطيب ۖ ولا تأكلوا أموالهم إلى أموالكم ۚ إنه كان حوبا كبيرا

„Und gebt den Waisen ihren Besitz und tauscht nicht Schlechtes mit Gutem aus und zehrt nicht ihren Besitz zu eurem Besitz hinzu. Das ist gewiß ein schweres Vergehen.“
Die zu erwartende Präposition in diesem Vers wäre „مع (ma3) – mit”, da es darum geht, dass man den Besitz der Waisen nicht MIT seinem eigenen Besitz verzehren soll.

In diesem Vers aber heißt es, statt der zu erwartenden Präposition, anders. Und zwar wird „إلى – zu“ benutzt, da es darum geht, dass man das Gut der Waisen, für welche man die Vormundschaft trägt, nicht seinem Besitz HINZUfügen soll.
So ist die Übersetzung, wenn man die Präposition bzw. den Vers wörtlich übersetzen würde: „verzehrt nicht das Geld zu eurem Geld.”
Wenn man es so liest, wie es übersetzt wurde, kann man inhaltlich nicht so viel damit anfangen, der Leser würde sich fragen, warum es nicht ,,mit eurem Gut“ heißt. Dies ist so, weil wenn man das Geld eines anderen Menschen zu seinem Geld hinzufügt, sich die Grenzen verschwimmen bzw. man weiß irgendwann nicht mehr, welcher Teil der eigene ist. Dies kann jeder nachvollziehen, der einmal Geld hatte, was nicht ihm gehörte, und angefangen hat das Geld auszugeben.

„““““““Die tiefgründige rhetorische Nuance der Verwendung von „إلى – zu” deutet, neben dem Verbot des Verzehrens des Geldes generell, weil wie wir erwähnten die Bedeutung der zu erwartenden Präposition bleibt immer vorhanden, weil sie kontextgemäß eher Anrecht hat, es ist nur, weil sie so klar ist, spielt auch ihre Nicherwähnung keine Rolle.
Es gibt um eine andere Bedeutung, welche hier die tiefe Moral des Korans aufweist, und zwar mit der Verwendung von „إلى- zu“, deutet der Koran von vorne rein an, dass das Geld der Waisen weit weg von eurem Geld zu sein hat, also er ist fremdes Territorium. Und da der Koran sich selbsterklärend ist, finden wir diese erwähnte Bedeutung im Umkehrschluss in einem anderen Vers wieder.“““““““

Sure 6, Vers 152
وَلا تَقْرَبُوا مَالَ الْيَتِيمِ
„Und nähert euch nicht dem Besitz des Waisenkindes“

Zusammenfassung:
Der Koran weicht in diesem Vers von der erwartenden Präposition „مع – mit” ab, dessen Bedeutung aber vorhanden bleibt, nämlich, um eine weitere Bedeutung zu generieren, und zwar mit „إلى – zu”. Also wird durch das Abwenden der erwartenden Präposition Folgendes ausgedrückt, „verzehrt euer Gut nicht mit dem der Waisen und fügt nicht das Gut der Waisen zu eurem Besitz hinzu, weil es ja weit weg von euch zu sein hat”, also mit der Verwendung einer unerwarteten Präposition, sichert Allah die Rechte der Waisen besonderes ab. Ethik und Moral werden im Koran alleine durch die Präpositionen vermittelt.

Drittes Beispiel

قَالَ آمَنتُمْ لَهُ قَبْلَ أَنْ آذَنَ لَكُمْ إِنَّهُ لَكَبِيرُكُمُ الَّذِي عَلَّمَكُمُ السِّحْرَ فَلَأُقَطِّعَنَّ أَيْدِيَكُمْ وَأَرْجُلَكُم مِّنْ خِلافٍ وَلَأُصَلِّبَنَّكُمْ فِي جُذُوعِ النَّخْلِ وَلَتَعْلَمُنَّ أَيُّنَا أَشَدُّ عَذَابًا وَأَبْقَى

“Er (Firʿaun) sagte: „Ihr glaubt an ihn, bevor ich es euch erlaube? Er ist wahrlich euer Ältester, der euch die Zauberei gelehrt hat. So werde ich ganz gewiß eure Hände und eure Füße wechselseitig abhacken und euch ganz gewiß an Palmstämmen kreuzigen (lassen). Und ihr werdet ganz gewiß erfahren, wer von uns strenger im Strafen und beständiger ist.“

In diesem obigen Vers sehen wir die Wut Pharaos, weil er nicht einsehen will und kann, dass seine Zauberer dem Propheten Moses Glauben schenkten.
Und um diese Wut auszudrücken, sagt er, dass er sie allesamt kreuzigen wird und die zu erwartende Präposition wäre ,,على – an dem” bzw. das Kreuzigen an dem Kreuz. Nur hier heißt es ,,في – im”, wörtlich übersetzt sagt er, dass er sie IM Kreuz kreuzigen wird. Die Frage, die sich hier stellt, warum wurde die zu erwartende Präposition ,,على (ala)”, ,,an dem“ Kreuz nicht verwendet und stattdessen ,,في – im” verwendet, also er wird sie ,,im“ Kreuz kreuzigen?
Der Grund dafür ist ein rhetorischer, welcher uns einen Ausschnitt über den psychologischen Gemütszustandes des Pharaos verschafft, er ist nämlich extrem sauer und wütend, sodass er sie ins Kreuz reinkreuzigen wird bzw. ins Kreuz meißeln wird, so, als wenn sie zum Teil des Kreuzes gehörten. Die Emotionen des Gemütszustandes werden alle in der Verwendung der unerwartenden Präposition festgehalten.

Viertes Beispiel

Sure 70, Vers 1

سَأَلَ سَآئِلٌ بِعَذَابٍ وَاقِعٍ

,,Es fragt ein Fragesteller nach einer Strafe, die hereinbrechen wird”

In diesem Vers geht es darum, dass Anadhir Ibn harith, einer der Mekkanischen Götzendiener, nach der Strafe fragte. Aber die zu erwartende Präposition wäre ,,عن”, was so viel wie ,,nach” bedeutet, womit es auch übersetzt wurde. Aber die Präposition, welche in dem Vers vorhanden ist, lautet ,,ب”, was soviel wie ,,um” bedeutet. Dies ist so, weil die Frage nach der Strafe letztendlich eine spöttische Bitte ist, sie fragen nämlich nicht nach der Strafe, sondern bitten „um“ Strafe.

Und der Beweis dafür ist ein anderer Vers, der dies aufzeigt

اللهم إِن كَانَ هذا هُوَ الحق مِنْ عِندِكَ فَأَمْطِرْ عَلَيْنَا حِجَارَةً مِّنَ السمآء أَوِ ائتنا بِعَذَابٍ أَلِيمٍ

“Und als sie sagten: „O Allah, wenn dies tatsächlich die Wahrheit von Dir ist, dann lasse auf uns Steine vom Himmel regnen, oder bringe schmerzhafte Strafe über uns!“

Wir sehen, die Frage nach der Strafe ist in Wahrheit ein Bitten um Strafe und das alles wurde festgehalten mit der Verwendung der unterwarteten Präposition. Der Koran übersetzt also eine Sequenz bzw. die psycholoische Nuance der Fragenden durch das Verwenden einer unerwarteten Präposition, welche die generelle Bedeutung ,,nach“ und ,,um“ beinhaltet.

Fünftes Beispeil

Sure 76, vers 7

عَيْنًا يَشْرَبُ بِهَا عِبَادُ ٱللَّهِ يُفَجِّرُونَهَا تَفْجِيرًا

,,aus einer Quelle, aus der Allahs Diener trinken, die sie sprudelnd hervorströmen lassen.“

Hier haben wir ein weiteres Mal die Verwendung einer unerwarteten Präposition, es müsste im Normalfall heißen ,,من – von ihr“, also ,,von der Quelle“ trinken Allahs Diener. Aber im arabischen Text wird stattdessen die Präposition ,,بِ – mit“ verwendet, wörtlich übersetzt würde es bedeuteten ,,mit ihr“ oder ,,bei ihr“ trinken Allahs Diener.
Was ist die zusätzliche Bedeutung, welche durch die Verwendung der unerwartenden Präposition verbildicht wird?
Die Antwort darauf ist Folgendes, das ,,بِ“ visualisiert die unmittelbare Nähe zu den Paradiesquellen, neben der bereits im Kontext zu verstehenden Bedeutung, dass sie aus den Quellen trinken, fängt die Nutzung der unerwarteten Präposition darüber hinaus die Nähe zu den Quellen ein. Also sie trinken von der Quelle und erfreuen sich des Anblickes der Quelle und sind im Zustand des Genusses mit ihr. Auf Arabsich wird das ,,بِ (bi)“ für die Anwesenheit an einem Ort benutzt, “aqamna bilmeken – Wir ließen uns bei … nieder “.
Also die Verwendung des ,,بِ“ als Präposition, anstatt ,,من – von“, ,,von ihr trinken“, hält beide Bedeutungen fest, und zwar, dass sie von ihr trinken, bei ihr sind, sich der Anwesenheit erfreuen, sich nähern und Genuss erleben. Der Genuss ist, wenn man sieht, wie das Wasser aus der Quelle srömt, denn dies ist eine visuelle Befriedung, das Gefühl der Wonne, sprich der Fülle, wird durch diesen Ausdruck vermittelt. (Zum Beispiel: Man ist im Lebensmittelladen und kauft sich Quellwasser, wenn man sich vorstellt woher das Wasser stammt bzw. wie das Wasser aus den Alpen strömt, hat man das Bedürfnis der direkten unmittelbaren Nähe zu der Quelle.)