Der Koran interagiert in vielen Versen mit der jüdisch-christlichen Tradition und hat eine Art „Wächter-Funktion“. So heißt es „Und Wir haben zu dir das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, das zu bestätigen, was von dem Buch vor ihm (offenbart) war, und als Wächter darüber.“[5:48]
Und in einem anderen Vers „Dieser Koran erzählt den Kindern Israels das meiste von dem, worüber sie uneins sind.“ [27:26]

Wie bereits erwähnt, wollen wir skriptural anhand jüdisch-christlichen Traditionen aufzeigen, wie die koranische narrative Fehler anspricht und diese korrigiert.

Geschichtliche Hintergrund Information:
In der babylonischen Gemara heißt es:
„Ein Zeugnis über Jesus und die Kreuzigung“
„a) Sanhedrin 43ab
וכרוז יוצא לפניו לפניו אין מעיקרא לא והתניא בערב הפסח תלאוהו לישו והכרוז יוצא לפניו מ‘ יום ישו יוצא ליסקל על שכישף והסית והדיח את ישראל כל מי שיודע לו זכות יבא וילמד עליו ולא מצאו לו זכות ותלאוהו בערב הפסח

„On Passover Eve they hung the corpse of Jesus the Nazarene after they killed him by way of stoning. And a crier went out before him for forty days, publicly proclaiming: Jesus the Nazarene is going out to be stoned because he practiced sorcery, incited people to idol worship, and led the Jewish people astray. Anyone who knows of a reason to acquit him should come forward and teach it on his behalf. And the court did not find a reason to acquit him, and so they stoned him and hung his corpse on Passover eve.“*1

Übersetzung:
„Am Vorabend des Pesahfestes hängte man Jeschu den Nazarener, nach dem man ihn durch Steinigung tötete. Vierzig Tage zuvor hatte der Herold ausgerufen: Er wird zur Steinigung hinausgeführt, weil er Zauberei getrieben und Jisrael verführt und abtrünnig gemacht hat; wer etwas zu seiner Verteidigung zu sagen hat, der komme und sage es. Da aber nichts zu seiner Verteidigung vorgebracht wurde, so hängte man ihn am Vorabend des Pesahfestes.“

Peter Schäfer kommentierte dieses talmudische Zeugnis in seinem Buch „Jesus und das Talmud“ folgendermaßen:
„Ich halte dies für eine vorsätzliche Fehldeutung des Neuen Testamentes und eine jüdische narrative bezüglich Jesus. Und eine Legimitation im Bezug auf dass Jesus vollen rechtens exekutiert würde, weil er ein jüdischer Ketzer war.“*3

Jakob von Sarug nannte in seinem Buch „Jesus in the Talmud“ die damaligen Juden als:

„Menschen die damit prahlten einen Mann ans Kreuz geschlagen zu haben.“*4

Wir sehen nun im Folgenden, wie die koranischen Verse diese talmudische narrative aufgreift und korrigiert:

وَقَوْلِهِمْ إِنَّا قَتَلْنَا الْمَسِيحَ عِيسَى ابْنَ مَرْيَمَ رَسُولَ اللَّـهِ وَمَا قَتَلُوهُ وَمَا صَلَبُوهُ وَلَـٰكِن شُبِّهَ لَهُمْ ۚ
„und dafür, daß sie sagten: „Gewiß, wir haben al-Masīḥ ʿĪsā, den Sohn Maryams, den Gesandten Allahs getötet.“ – Aber sie haben ihn weder getötet noch gekreuzigt, sondern es erschien ihnen so.“[4:156]

In diesem Vers heißt es „weder getötet noch gekreuzigt.“ Also sie töten ihn weder durch die Steinigung, noch kreuzigten sie ihn post mortem – sprich nach einem Tode.
Wir können somit eine semantische Verbindung feststellen, denn der Koran erwähnt erst das Töten – welches auf die Steinigung deutet – und danach die Kreuzigung. Also entspricht die koranische Reihenfolge ein direkte Anspielung auf die Aussage im Talmud, um diese in einer paraphrasierenden Weise zu negieren.
(Semantische: Teilgebiet der Linguistik, das sich mit den Bedeutungen sprachlicher Zeichen und Zeichenfolgen befasst.)
Im selben talmudischen Traktat finden wir eine Anschuldigung gegen über Maryam a.s, welche sie mit der Hurerei beschuldigt und das Jesus a.s einen leiblichen Vater habe.
בן סטדא בן פנדירא הוא אמר רב חסדא בעל — סטדא בועל — פנדירא בעל פפוס בן יהודה הוא אלא אֵימא אמו סטדא אמו מרים מגדלא נשיא הואי כדאמרי בפומדיתא סטת דא מבעלה:]
*5

„Hat denn nicht ben Stada Zauberei aus Ägypten gebracht durch Einritzungen/Tätowierungen in sein/auf seinem Fleisch?“ Zum Familienhintergrund dieses Narren wird dann mitgeteilt: „(War er) der Sohn von Stada (und nicht ganz im Gegenteil) der Sohn von Pandera? Rav Chisda sagte: ‚Der Ehemann war Stada, (und) der Liebhaber war Pandera.‘ ‚(Aber war nicht) der Ehemann Pappos ben Jehuda und vielmehr seine Mutter Stada? Seine Mutter war Mirjam, (die Frau, die ihr) Frauen[haar] lang wachsen ließ. Dies ist, was man über sie [Mirjam] in Pumbeditha sagt: Diese ist abgewichen von (war untreu) ihrem Ehemann.‘“6

In diesem Dialog wird die Frage erörtert, wie ein Widerspruch zwischen zwei Überlieferungen aufzuklären ist. Die eine Überlieferung nennt den Zauberer „Sohn von Stada“, die andere „Sohn von Pandera“. Es wird offenbar als allgemein bekannt vorausgesetzt, wer der Zauberer war. Der Gelehrte Rav Chisda erklärt, Stada sei als Gatte der Kindesmutter der rechtliche Vater gewesen, Pandera der leibliche Vater. Ein ungenannter Gesprächspartner schlägt eine alternative Lösung vor: Der Ehemann sei Pappos ben Jehuda gewesen, ein Gelehrter aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, und Stada sei ein Beiname Mirjams gewesen, der auf ihre Untreue Bezug nahm. Offenbar bestand zwischen den beiden Erklärern Übereinstimmung darüber, dass der Ehebrecher Pandera hieß.*7

Auch diese Anschuldigung aus dem selben talmudischen Traktat wird im Koran im selben Vers behandelt und wieder mit dem Begriff قَوْلِهِمْ, was soviel wie „ihr Ausspruch“ bedeutet, bezeichnet. Denn dieser Begriff hat eine lügnerische Konnotation, im Sinne dass es nur Wörter ohne jeglichen Wahrheitsgehalt sind, welche sie selber sagen.
Deshalb das possessiv Pronomen „ihr“, was aufzeigen soll, dass es nichts anderes, als ihre Wörter sind.
Sure 4 Vers156

وَبِكُفْرِهِمْ وَقَوْلِهِمْ عَلَىٰ مَرْيَمَ بُهْتَانًا عَظِيمًا
„und daß sie ungläubig waren und gegen Maryam gewaltige Verleumdung aussprachen.“
Abschließend:
Die Errettung Jesus a.s ist in seinem Namen, Bibel und Koran festgehalten.

Der Name Jesus:

„Jesus ist die lateinische Form des altgriechischen Ιησούς. Dieses ist im antiken hellenisierten Judentum die Transkription des hebräisch-aramäischen Vornamens Jehoschua (יהושע) mit seinen Kurzformen Jeschua oder Jeschu, erweitert um die griechische Nominativ-Endung -s, die in den anderen Kasus entfällt bzw. ersetzt wird.

Die Etymologie und eine damit mögliche Bedeutung des Namens sind unsicher. Das Matthäusevangelium (Mt 1,21 EU) leitet ihn von der hebräischen Wurzel „jaša“ (retten) ab und wurde damit für die altchristliche Deutung des Namens bestimmend.
Neuere Lexika schließen die Abstammung des Namens aus dem Verb „jaša“ aus. [5] Die traditionelle Deutung des Namens als „Gott ist Rettung/Hilfe/Erlösung“ rechnet mit einer Abstammung des Namens aus der Zusammensetzung von jhw und šuaʿ.“*4

Wir können deutlich sehen, dass Jesus in seiner ursprünglichen Bedeutung einen Zusammenhang mit dem „von Gott errettet werden“, also den Yahwe errettend, aufweist. Auch Dr. Raouf Sa’da ist der Ansicht, dass Jesus derjenige, „den Allah errettete“, bedeutet.
Im Koranvers wird diese Bedeutung im Folgenden ausgedrückt.

Bibel:
Auch in den Psalmen sehen wir den Hinweis auf die Errettung von Jesus.
„Nun merke ich, daß der HERR seinem Gesalbten hilft und erhöht ihn in seinen heiligen Himmel; seine rechte Hand hilft mit Macht.“ [Psalm 20:6]

Koran:
وَإِذْ كَفَفْتُ بَنِي إِسْرَائِيلَ عَنكَ إِذْ جِئْتَهُم بِالْبَيِّنَاتِ
„Und als Ich die Kinder Isra’ils von dir zurückhielt, als du mit den klaren Beweisen zu ihnen kamst.“ [5:110]

Ein weiterer koransicher Vers mit dem wir diesen Beitrag abschließen:
بَل رَّفَعَهُ اللَّـهُ إِلَيْهِ ۚ وَكَانَ اللَّـهُ عَزِيزًا حَكِيمًا
„Nein! Vielmehr hat Allah ihn zu Sich erhoben. Allah ist Allmächtig und Allweise.“[ 4:158]
*1 Sanhedrin 43a
The William Davidson Talmud

*3 Jesus in the Talmud S. 12

*4 Homélies contre les juifs, 44, l. 17

* 5 Sanhedrin 67a
The William Davidson Talmud

*6 Übersetzung nach Peter Schäfer: Jesus im Talmud, 3., durchgesehene Auflage, Tübingen 2017, S. 31–33.

* 7 Peter Schäfer: Jesus im Talmud, 3., durchgesehene Auflage, Tübingen 2017, S. 34–36.

*8 Martin Noth: Dieiu israelitischen Personennamen im Rahmen der gemeinsemitischen Namengebung; Stuttgart: Kohlhammer, 1928. Zitiert bei
Köhler/Baumgartner, Eintrag zu יְהוֹשׁוּעַ; Artikel Joshua in der Encyclopedia