Genauigkeit in der Wortverwendung

Eine weitere Facette ist die Verwendung des Plurals oder Singulars im Koran.
Jetzt könnte man sagen, dass das eine gängige Sache sei, welche keiner gesonderten Erwähnung bedarf. Allerdings finden wir hierin eine spezielle Feinheit, welche absolut kohärent zu dem Vorkommnis, das behandelt wird, ist.

Beispiel:

In der siebten Sura gibt es zwei sich ähnelnde Verse. Einmal spricht der Prophet Salih (a.s.) zu seinem Volk und an anderer Stelle der Prophet Schuaib (a.s.).

Hier im Vers 79 der Sura ist es Prophet Salih:

فَتَوَلَّى عَنْهُمْ وَقَالَ يَا قَوْمِ لَقَدْ أَبْلَغْتُكُمْ رِسَالَةَ رَبِّي وَنَصَحْتُ لَكُمْ وَلَكِن لاَّ تُحِبُّونَ النَّاصِحِينَ

„So kehrte er sich von ihnen ab und sagte: „O mein Volk, ich habe euch doch die Botschaft meines Herrn ausgerichtet und euch gut geraten.“

Und in dem Vers 93 derselben Sure sagt der Prophet Schuaib:

فَتَوَلَّى عَنْهُمْ وَقَالَ يَا قَوْمِ لَقَدْ أَبْلَغْتُكُمْ رِسَالاتِ رَبِّي وَنَصَحْتُ لَكُمْ فَكَيْفَ آسَى عَلَى قَوْمٍ كَافِرِينَ

„So kehrte er sich von ihnen ab und sagte: „O mein Volk, ich habe euch doch die Botschaften meines Herrn ausgerichtet und euch gut geraten.“

Wir sehen, dass beide Verse fast identisch sind. Nur in einem wird der Singular für „Botschaft“ رِسَالَةَ verwendetund beim Propheten Schuaib kommt das Wort Botschaft im Plural „Botschaften“ رِسَالاتِ vor.
Was ist der Grund dafür ?

Aus dem Kontext ergibt sich, dass der Singular benutzt wurde, da es um eine erwähnte Botschaft ging, die zu übermitteln war. Es heißt in Vers 73: „Dies ist die Kamelstute Allahs, euch zum Zeichen. So lasst sie auf Allahs Erde fressen und fügt ihr nichts Böses zu, sonst überkommt euch schmerzhafte Strafe.“ Dies war die Anordnung des Propheten Salih, es war nur eine Anordnung bzw. eine Botschaft, welche sich um die Kamelstute drehte.

Wohingegen der Prophet Schuaib, in dessen Kontext der Plural „Botschaften“ رِسَالاتِ genutzt wurde, mehrere Anweisungen hatte, die er seinem Volk übergab.

So heißt es vorher im Vers 85-86:
„Er sagte: „O mein Volk, dient Allah! Keinen Gott habt ihr außer Ihm. Nun ist ein klarer Beweis von eurem Herrn zu euch gekommen; so gebt volles Maß und Gewicht und schmälert den Menschen nicht ihre Sachen und stiftet auf der Erde nicht Unheil, nachdem sie in Ordnung gebracht worden ist! Das ist besser für euch, wenn ihr gläubig seid.
Und lauert nicht auf jedem Weg, indem ihr droht und von Allahs Weg denjenigen abhaltet, der an Ihn glaubt, und danach trachtet, ihn krumm zu machen. Und gedenkt (der Zeit), als ihr (nur) wenige wart und Er euch dann zu vielen machte. Und schaut, wie das Ende der Unheilstifter war!“

Wir sehen hier also, dass der Prophet Schuaib eine Vielzahl an zu übermittelnden „Botschaften رِسَالاتِ hatte.
Deshalb macht die Verwendung des Plurals in dem Kontext der Erzählung Schuaibs mehr Sinn bzw. ist passender.
Also liegt in der Verwendung des Singulars und Plurals eine absolute Genauigkeit, welche durch den Kontext erkenntlich wird.

Wenn wir verstehen und uns vor Augen halten, dass der ganze Koran eine orale Tradition hat – sprich der Prophet den Menschen den Koran vorgetragen und ihn selber nicht aufgeschrieben hat – wenn man dies versteht und darüber hinaus versteht, dass der Unterschied im Wortlaut nur ein kleines „a“ ist – wie es in Singular Botschaft „risalat“ und im Plural Botschaften „risala(a)t“ ist – dann sollte man zu dem Schluss kommen, dass dies nicht des Werkes eines Menschen sein kann. So eine subtile, feinfühlige Wortwahl, welche sich im Ohr des Hörers durch einen verlängerten „a“-Ton widerspiegelt. Dieses Beispiel dient als generelle Regel für den ganzen Koran.

Dies gibt es in keiner anderen Literatur der Welt.

Zweites Beispiel:
Ein weiteres Beispiel für die Verwendung des Singulars und Plurals; im Arabischen gibt es ein Prinzip, welches sich dualer Plural nennt. Also ein Plural für zwei Personen. Also gibt es Singular, dualen Plural und den generellen Plural.

Es gibt in der Geschichte Moses‘ mit Pharao einen Vers, der sich dreimal an verschiedenen Koranstellen wiederholt, aber jedes Mal ein wenig anders.
In den drei Erzählungen wird einmal der Singular für Gesandte erwähnt, also Gesandter. Dann der duale Plural „zwei Gesandte“ und schlussendlich der generelle Plural „Gesandte“.

Wichtiger Hinweis das Wort رَسُولَ „Rasul“ also Gesandter im Arabischen. Es kann wie das Wort Mädchen im Deutschen sowohl für den Singular als auch für den Plural benutzt werden. Der Koran aber verwendet das passende Konstrukt um dieses Wort herum, wie es im Gesamtkontext passend ist.
Dieses vielleicht etwas abstrakte Prinzip wollen wir anhand eines Beispiels aufzeigen.

  1. Der duale Plural رَسُولَا (zwei Gesandte):

In der Sura Taha, Vers 47 heißt es:

فَأْتِيَاهُ فَقُولَا إِنَّا رَسُولَا رَبِّكَ

„So geht zu ihm (Pharao) und sagt „Wir sind die „rasule“ (zwei Gesandten) deines Herren“

Der Grund dafür ist im Kontext der gesamten Geschichte bzw. Erzählung zu erkennen.
Wir sehen in der gesamten Erzählung, dass die Geschichte auf der Erwähnung der beiden Propheten Moses und Aaron basiert und daher ist es absolut passend, dass der duale Plural in unserem erwähnten Vers verwendet wird.
Jetzt wollen wir den Kontext aufzeigen. Damit es besser nachzuvollziehen ist, ist das Beispiel immer auf dem dualen Plural aufgebaut, welcher hier mit „beide“ übersetzt wird.

Der Kontext ab Vers 42-49:
„Geht, du und dein Bruder, mit Meinen Zeichen, und lasst nicht nach in Meinem Gedenken.
Geht zu Firʿaun, denn er lehnt sich auf. Und so redet „ihr beide“ mit ihm in sanften Worten, auf dass er bedenken oder sich fürchten möge.“
Sie sagten: „Unser Herr, gewiß, wir fürchten, dass er übereilig gegen uns vorgeht oder dass er das Maß überschreitet. Er sagte: „Fürchtet euch nicht. „Ihr beiden“. Ich bin gewiß mit „euch beiden“. Ich höre und Ich sehe (was geschieht).
So kommt denn zu ihm und sagt: ‚Wir „beide“ sind Gesandte deines Herrn. Lasse die Kinder Isrāʾīls mit uns gehen, und strafe sie nicht. Wir sind ja mit einem Zeichen von deinem Herrn zu dir gekommen. Und Friede sei auf demjenigen, der der Rechtleitung folgt. Uns ist ja (als Offenbarung) eingegeben worden, dass die Strafe denjenigen überkommt, der (die Botschaft) für Lüge erklärt und sich abkehrt. „Er sagte: „Wer ist denn euer beider Herr, o Mūsā?“

Also wir sehen in den obigen Versen, dass die ganze Geschichte auf Fokussierungen bzw. Erwähnungen von Moses und Aaron aufgebaut ist und deswegen der duale Plural benutzt wird.

  1. Generelles Plural (Wir sind die Gesandten)In Sura 26, Vers 16:

فَأْتِيَا فِرْعَوْنَ فَقُولَا إِنَّا رَسُولُ رَبِّ الْعَالَمِينَ

„Geht zu Pharao und sagt: „Wir sind die „Rasulu“ Gesandten des Herren der Welten.“

In diesem Kontext geht es generell um Moses alleine aber ebenso findet Aaron auch Erwähnung, deswegen wird hier der Plural verwendet.
Also ist diese Form genereller. Sie ist weder auf dem Singular noch auf dem dualen Plural aufgebaut, sondern auf dem generellen Plural.

Folgender Kontext, um zu verdeutlichen, warum dies generell sinnvoll ist:

Vers 12:
„Er sagte: „Mein Herr, ich fürchte, dass sie mich der Lüge bezichtigen.
Auch ist meine Brust beklommen und meine Zunge ist nicht gelöst. Darum entsende (auch) Aaron. Und sie haben gegen mich eine Sünde geltend zu machen; so fürchte ich, dass sie mich töten.“

Also sehen wir, dass beide erwähnt werden aber die Geschichte nicht explizit auf dualem Plural aufgebaut ist.

3. Der Singular:

Sure 43, Vers 46:
فَقَالَ إِنِّي رَسُولُ رَبِّ الْعَالَمِينَ
„Ich bin der „Rasulu“ des Herren der Welten.“

Die Grund für die Verwendung des Singulars ist wieder der Kontext, welcher auf einer Erzählung aus einer singulären Perspektive aufgebaut ist.
Nämlich aus der Perspektive von Moses allein und in diesem Kontext wird Aaron nicht ein einziges einmal erwähnt und es heißt: „Ich bin der Gesandte deines Herren.“

Der Kontext hierzu:
„Und Wir sandten bereits Moses mit Unseren Zeichen zu Firʿaun und seiner führenden Schar. Er sagte: „Gewiß, ich bin der Gesandte des Herrn der Weltenbewohner.
Als er nun zu ihnen mit Unseren Zeichen kam, lachten sie sogleich über sie.“

Wir sehen hier wie Aaron kein einziges Mal erwähnt wird und deswegen ist die Geschichte auf dem Singular aufgebaut.

Zusammenfassend lässt sich festhalten:
Wir sehen drei leicht unterschiedliche Verwendungen in dem Vers, wo Moses und sein Bruder zum Pharao geschickt werden.

  1. „Wir beide sind die Gesandten“ إِنَّا رَسُولَا. (Dies im dualen Plural, weil der Kontext auf der Erwähnung beider aufgebaut ist.)
  2. „Wir sind die Gesandten“ إِنَّا رَسُولُ (Weil Aaron beiläufig erwähnt wird und der Kontext ein genereller ist, wird der allgemeine Plural verwendet. )
  3. „Ich bin der Gesandte“ إِنِّي رَسُولُ(Weil die Geschichte auf Moses alleine basiert und Aaron nicht erwähnt wird, ist dieses Satzkonstrukt auf dem Singular aufgebaut.

Diese Genauigkeit in der Verwendung von Formen ist ein Beispiel, um aufzuzeigen, dass der gesamte Koran auf diesem Prinzip basiert.

Dies ist auch ein Beweis dafür, dass der Koran bis heute bewahrt wurde und noch immer wird. Im Grunde genommen handelt es sich lediglich um einen Unterschied von Vokalen in der Rezitation zwischen „Rasulu“ und „rasule“ und zwischen „inni“ und „inne“, welcher hier ausschlaggebend ist.
Ein Qualitätssiegel, welches den Koran in alle Zeiten erhält und beschützt, wie Allah es versprach in Sure 15, Vers 9 versprach:

„Gewiß, Wir sind es, die Wir die Ermahnung (Koran) offenbart haben, und Wir werden wahrlich ihr Hüter sein.“