Der „Leiter“ durch Meere und Wege

Sure 10, Vers 22

هُوَ الَّذِي يُسَيِّرُكُمْ فِي الْبَرِّ وَالْبَحْرِ ۖ حَتَّىٰ إِذَا كُنتُمْ فِي الْفُلْكِ وَجَرَيْنَ بِهِم بِرِيحٍ طَيِّبَةٍ وَفَرِحُوا بِهَا جَاءَتْهَا رِيحٌ عَاصِفٌ وَجَاءَهُمُ
الْمَوْجُ مِن كُلِّ مَكَانٍ وَظَنُّوا أَنَّهُمْ أُحِيطَ بِهِمْ ۙ دَعَوُا اللَّهَ مُخْلِصِينَ لَهُ الدِّينَ لَئِنْ أَنجَيْتَنَا مِنْ هَٰذِهِ لَنَكُونَنَّ مِنَ الشَّاكِرِينَ
فَلَمَّا أَنجَاهُمْ إِذَا هُمْ يَبْغُونَ فِي الأَرْضِ بِغَيْرِ الْحَقِّ يَا أَيُّهَا النَّاسُ إِنَّمَا بَغْيُكُمْ عَلَى أَنفُسِكُم مَّتَاعَ الْحَيَاةِ الدُّنْيَا ثُمَّ إِلَيْنَا مَرْجِعُكُمْ فَنُنَبِّئُكُم بِمَا كُنتُمْ تَعْمَلُونَ
„Er ist es, Der euch auf dem Festland und dem Meer reisen lässt. Wenn ihr dann auf den Schiffen seid und diese mit ihnen bei einem guten Wind dahinfahren und sie froh darüber sind, ein stürmischer Wind darüber kommt, die Wogen von überall über sie kommen, und sie meinen, dass sie rings umgeben werden, (dann) rufen sie Allah an, (wobei sie) Ihm gegenüber aufrichtig in der Religion (sind): „Wenn Du uns nur hieraus rettest, werden wir ganz gewiss zu den Dankbaren gehören!
Aber wenn Er sie gerettet hat, fangen sie sogleich an, ohne Recht auf der Erde gewalttätig zu handeln. O ihr Menschen, eure Gewalttätigkeit richtet sich doch nur gegen euch selbst. (Es ist doch nur) der Genuss des diesseitigen Lebens. Hierauf wird eure Rückkehr zu Uns sein, und Wir werden euch kundtun, was ihr zu tun pflegtet.“

Generelle Bedeutung des Verses

Die Bedeutung dieses Koranverses ist, dass Allah seine Gnaden gegenüber den Menschen erwähnt. Nur Er alleine ist dazu imstande, den Menschen diese Gnaden zu gewähren und kein anderer.
Diese Bedeutung ergibt sich aus dem Satzbau (Syntax), welcher das Personalpronomen „Er“ nach vorne zieht, um eine Exklusivität auszudrücken. Das heißt, dass kein anderer, außer Allah, dieses tut.

Der Begriff „reisen lässt“ (يُسَيِّرُكُمْ = yusayyirukim) im obigen Vers kommt im Arabischen ursprünglich von der Bedeutung „der Erleichterung“. Allah hat also den Menschen das Reisen auf der Erde ermöglicht und durch Transportmittel leicht gemacht.

Es folgt ein Beispiel aus dem hervorgeht, wie Transport ein Pfeiler der Infrastruktur bildet, eine enorme Erleichterung und eine große Gabe für die Menschheit ist.

„Shells jüngstes Kind ist ein Gigant: 488 Meter lang, 75 Meter breit und 600’000 Tonnen schwer. Nach einem Jahr Bauzeit wurde der Flüssiggastransporter Prelude im südkoreanischen Geoje vom Stapel gelassen.“

Dies stellte Allah nur für den Nutzbrauch der Menschen bereit. Er erleichterte ihnen den Transport.
Weiter heißt es im Vers dass „sie“ – die Menschen – sich auf dem Schiff befinden und Allah den Wind anordnete sie dahin zutragen und sie frohen Mutes waren, als dann ein starker beängstigender Wind aufrührte und die gefährliche Wellen von allen Seiten kamen – sprich, ein starker Seegang sie umschlang und die Menschen auf dem Schiff meinten es wäre um sie geschehen, so riefen sie Allah alleine an.

Sie „berufen“ sich erst in Zeiten der Not in den reinen Monotheismus. Nachdem Allah sie dann errettet, kehrten sie wieder zu ihren Gewohnheit zurück.

Rhetorisches

In unserem Vers haben wir viele rhetorische Feinheiten, von denen wir hier Zwei aufzählen wollen.

Einer davon ist die „ilfitfat“, der Perspektivwechsel d.h., dass Allah die Menschen direkt anspricht und plötzlich von der 2. Person in die 3. Person wechselt. Diese Vorkomnisse in der Aya war ein Grund für einige Orientalisten zu behaupten, dass der Koran sprachliche Fehler hat. Wir zeigen nun den Vers hier auf.

Der Vers

Er ist es, der euch auf dem Festland und dem Meer reisen läßt. Wenn ihr dann auf den Schiffen seid und diese mit ihnen bei einem guten Wind dahinfahren und sie froh darüber sind, ein stürmischer Wind darüber kommt, die Wogen von überall über sie kommen, und sie meinen, ….

Im obigen Vers heißt es „euch“ und „wenn ihr dann“. Daraufhin wird plötzlich in die 3. Person abgedriftet „Ihnen“ und „und sie froh darüber sind.“ Es müsste in beiden Fällen „ihr“ heißen, damit die zweite Person beibehalten wird. Warum also dieser Wechsel?

In der Rhetorik gibt es eine Regel, welche besagt, dass der Wechsel von der 2. in 3. Person und andersrum stattfindet, um eine gewissen Bedeutung auszudrucken und um den Leser wachzurütteln und geistig in den Denkprozess mit einzubeziehen.

Die Bedeutungsebene, warum es in diesem Fall Allah von der direkten Ansprache – sprich, die 2. Person – in die 3. gewechselt ist, ist Folgender:

Nachdem das Schiff abgelegt hat, spricht Allah über diese Leute in dem Schiff in der 3. Person, um aufzuzeigen, dass sie sich nun entfernen und auf die Meere hinaussegeln.

Diese Entfernung wird in der Verwendung des Wechselns in die 3. Person festgehalten, welche eine Distanz bzw. Entfernung aufzeigt. So sehen wir, wie der Koran rhetorische Stilmittel nutzt, um Bildlandschaft in den Verstand der Leser zu projizieren. Nämlich in dem Fall das Bild eines auf die weiten Meere auslaufendes Schiffes, welches nur mit der Gabe des göttlichen Windes möglich ist. Dieses Ablegen und Entfernen, ist in diesem Perspektivwechsel festgehalten.

Dieses Prinzip war in der Altarabsichen Poesie bekannt, so sagte An-Nabigha Adhubyani
يا دارَ مَيَّةَ بِالعَلياءِ فَالسَنَدِ. أَقوَت وَطالَ عَلَيها سالِفُ الأَبَدِ. وَقَفتُ فيها أُصَيلاناً أُسائِلُها
„Oh Hause der Mayiti (Frauenname) an einem hohen Orte durch den eine hoher Fluss fließt, leer geworden ist Es von dessen Bewohnern……“

Wir sehen in diesem Gedicht, dass er nach dem er das Haus in der 2. Person anspricht, in die 3. Person (Es) wechselt, um auszudrücken, dass der Ort menschenleer geworden ist und dort niemand mehr war, welcher angepsprochen werden könnte.

Die zweite rhetorische Nuance dieses Verses:

Der Wind wird mit einem Adjektiv beschrieben, welches männlich ist.

عَاصِفٌ “ Asifun (maskulin) anstatt عَاصِفٌة asifatun (feminin), welche die zu erwartenden Form wäre, weil der zu beschreibende Wind weiblich ist.

Der Grund dafür, dass er Wind in einem unerwartenden männlichen Adjektiv beschrieben wurde ist,

1. um die Stärke angesteinflößenden Charakters des Windes zu beschreiben, welcher aufeinmal kippte, nachdem es ein guter Wind war. (Das männliche steht für Kraft, Rüdheit. Wohingegen das weibliche auf Milde und Sanftmut deutet.)

2. Um die Plötzlichkeit dieses Windes aufzuzeigen, weil genauso unerwartet wie hier ein männliches Adjektiv als Beschreibung des Windes auftauchte, so tauchte genauso unerwartet der Wind selbst auf.

Spirituelles

Des Weiteren ist dieser gute Wind, welcher nach dem schlechten Wind kommt, eine tiefgründige Parabel. Ein Sinnbild, welche auf das Leben eines Menschen übertragbar ist, dass wenn ihn die Wellen der Sorgen von allen Seiten umringe und er glaubt es sei um ihn geschehen, er in diesem Moment Allah alleine anruft, um ihn aus dieser ausweglosen Situation zu erretten und wenn Allah dies dann tat, verfällt der Mensch in die alten Gewohnheiten zurück und übertretet die Grenzen.

Theologisch und Philosophische Nuance des Verses

Allah schreibt sich hier die Bereitstellung des Transportes bzw. Schöpfung der Transportmittel zu. Das Bereitstellen dieser für die Menschen und darüber hinaus, das Ebnen der Wege, um diese Transportmittel zu nutzen. Diese Gabe ist eine Reflektion seines Namens „Alhedi“ (Der den Weg führende). Er ruft die Menschen dazu auf, diese alltäglichen Dinge wie das Reisen auf den Wegen bzw. auf dem Meere oder heutzutage in der Luft zu beachten und die Nutzbarkeit dieser Gaben in sich hervorzurufen.
Ein Beispiel ist dieses Gefühl von Demut das einem erfasst, wenn man einen 1000-Tonner auf dem Meer sieht, welcher nicht untergeht und wie eine Feder dahin gleitet. Der Koran ruft in seinen Verse immer wieder dazu auf, diese Dinge zu bedenken, welche wir Menschen als selbstverständlich ansehen. Dies ist das Grundprinzip philosophischem Gedenankengutes, denn dies ruft dazu auf, alles zu hinterfragen, nichts als selbstverständlich zu erachten und allem auf dem Grund zu gehen. Die Weisheit das „Wie“ und „Warum“ zu erkennen und zu bedenken. Dazu ruft der Koran auf.

So heißt es in

Sure 55 Vers 24
وَلَهُ الْجَوَارِ الْمُنْشَآتُ فِي الْبَحْرِ كَالأعْلامِ „Und Sein sind (auch) die (hoch)gebauten auf dem Meer fahrenden (Schiffe), wie Berge Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide denn leugnen?“

Und die wichtigste Erkenntniss, welcher der Koran einem liefert ist das „Warum?“ Damit wir Gott huldigen, preisen, Ihn als Schöpfer anerkennen, uns Seiner ergeben und dankbar für diese Gaben sind.

Gesellschaftliches

Unser Vers ist eine Zusammenfassung der Logistik. Jeder der Logistik studiert hat, kennt die Tiefe dieses Verses, welcher im Prinzip eine Zusammenfassung dieser Wissenschaft in wenigen Worten darstellt.
Das Gerät, auf welchem wir diesen Beitrag lesen, erreichte uns entweder auf dem See, Luft oder Verkehrsweg. Darüber hinaus ist alles um einen herum, ob es die Kleidung ist die wir tragen, die Nahrung die wir essen oder das Buch, welches wir lesen. All diese Stoffe und auch zumeist die Produkte erreichen uns von außerhalb auf dem Seeweg. Diese Gaben aber wahrzunehmen tun die wenigsten unter den Menschen.
Laut statista.com seit September 2019 wurden Waren im Wert von 114,2 Milliarden Euro aus Deutschland ausgeführt; der Wert der Einfuhren belief sich auf 93 Milliarden Euro. Siehe auch die Veränderungsraten des Volumens der deutschen Im- und Exporte gegenüber dem Vorjahresmonat.

So heißt es in „Logistik akut stasitia.com“:
„Im Bereich des Güterverkehrs in Deutschland war die Transportleistung aller Verkehrsträger im Jahr 2016 mit rund 660 Milliarden Tonnenkilometern zu beziffern. Der größte Anteil entfiel dabei mit über 470 Milliarden Tonnenkilometern auf straßengebundene Verkehre, gefolgt von dem Transport per Schiene, Binnenschiff und Rohrleitungen. Der Eisenbahngüterverkehr ging im Jahr 2016 um 1,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück, wohingegen im Bereich der Rohrleitungen ein Zuwachs von zwei Prozent zu verbuchen war. Das gesamte Güteraufkommen, welches in Deutschland auf der Schiene befördert wurde, belief sich im Jahr 2016 auf rund 360 Millionen Tonnen.“

Dies sind die Statistiken, welche sich allein um die Zahlen in Deutschland handeln. Wie viel Realitätsgehalt in dem koranischen Vers steckt, dass Allah die Wege zu Land und auf dem Meere dem Menschen zur Verfügung stellte als Gabe und damit sie Handel treiben. Von der Seidenstraße bis ins Zeitalter von Containerschiffen ist dieser universelle Charakter dieses Verses beeindruckend.

Abschließendes Fazit
Wir haben dargelegt, wie der o.g. Vers auf der einen Seite die Gaben Allahs gegenüber dem Menschen erwähnt, dass er auf Erden einhergehen und die Schiffe besteigen kann und dies alles zu seinem Nutzen ist. Gleichzeitig schreibt Allah sich all diese Gabe zu, dass er derjenige ist, welcher den Menschen diese Huld gewährte.
Darüber hinaus sehen wir wie der Koran in seine unnachahmlichen Rhetorik ein Bild wiedergibt. Wie der Mensch diese Gaben nutzt aber undankbar seinem Herren gegenüber ist. Wenn Allah ihn aus der Not errettet, er erneut in alte Gewohnheiten der Undankbarkeit fällt.
Weiter sehen wir die Realität dieses Verses im heutigen Zeitalter.
Wenn wir bedenken, dass der Prophet keine einziges Mal in seinem Leben das Meer bzw. ein Schiff betrat, trotzdem so umfassend über die Meere spricht, ist dies ein Wunder für sich.
Dieser Vers enthält neben eines unnachahmlichem Bild der Rhetorik, tiefe psychologische Wahrheiten der menschlichen Verhaltensweisen und eine realitätsgetreue Erklärung von kulturgeschichtlichen Zuständen.

Hinzu kommt ein theologischer philosopscher Aspekt, welchen Gott als den einen All-gebenden und die Dinge dienstbar machenden Gott beschreibt. Dieser Gott ist durch tiefes Nachdenken über diese – seine Gaben – zu erreichen bzw. anzubeten.

Quelle*
Tafsir Al Wasset , AlTantawi
Lamasat Bayyaniah, Dr Fadhil sämäray
Haschiyat Schihab, Tafsir Al baydhawi
statista.com
https://www.tagesanzeiger.ch/panorama/vermischtes/Shell-laesst-das-groesste-Schiff-der-Welt-vom-Stapel/story/26062530