Die klangvolle Bedeutung (Phonetik im Koran Teil 2)

Die Klangvolle Bedeutung (Phonetik im Koran Teil 2)

In diesem Beitrag wollen ein weiteres Mal die Phonetik behandeln.
Das Hauptziel ist aufzuzeigen, wie der Koran anhand von Wörtern und deren Klangbild die Bedeutung vermittelt, welche Kontextual nicht angebrachter hätten sein können.

Wir Menschen nehmen ganz individuell Klänge wahr und
kategorisieren diese in angenehm und unangenehm, in ästhetisch und unästhetisch, in symmetrisch und unsymmetrisch, in schwere und leichte Töne.

Wie Wir nachvollziehen können, werden durch Töne gewisse Emotionen bzw. Stimmung vermittelt.

Daher kommt auch das Wort Stimmung, welches Bedeutungsgemäß folgen heißt.
Gefühlsmäßiger, von der körperlichen und psychischen Verfassung und der augenblicklichen Situation abhängiger Zustand des Menschen (Gemütszustand, Gemütslage, Gemütsverfassung).

Wenn wir jetzt schauen was dieses Wort in der Wortherkunft also in der Etymologie heisst so steht dort
„Stimme f. ‘mit Hilfe der Stimmbänder erzeugte Laute, Fähigkeit zur Erzeugung solcher Laute, Meinung, Urteil’,“*1

Nach diesen Worterklärungen können wir sehr gut nachvollziehen wie eng die Stimmung eines Menschen im wahrsten Sinne des Wortes mit seiner Stimme verbunden ist.
Sprich die Stimme bzw. deren klang drückt Emotionen (Gemütszustände) aus.

Nach dieser Einleitung wollen wir schauen wie der Koran dieses Universal Prinzip, welches in der Musik im Theater in der Dichtung etc. genutzt wird, verwendet.
Denn in all diesen Künsten geht es um Ausdruck und dabei spielt die Stimme eine essentielle Rolle um diesen zu vermitteln.

Es folgen nun einigen Beispielen

  1. Der Trauer des Verliers
    Es heisst in sure 69

وَأَمَّا مَنْ أُوتِيَ كِتَابَهُ بِشِمَالِهِ فَيَقُولُ يَا لَيْتَنِي لَمْ أُوتَ كِتَابِيَهْ (25) وَلَمْ أَدْرِ مَا حِسَابِيَهْ (26) يَا o كَانَتِ الْقَاضِيَةَ (27) مَا أَغْنَى عَنِّي مَالِيَهْ (28) هَلَكَ عَنِّي سُلْطَانِيَهْ (29)}

„Was aber jemanden angeht, dem sein Buch in seine Linke gegeben wird, der wird sagen: „O wäre mir doch mein Buch nicht gegeben worden!
Und wüsste ich nicht, was meine Abrechnung ist!
O wäre dies doch nur das Ende (meines Lebens)!
Nicht nützt mir mein Besitz. Vernichtet ist meine Macht(fülle).“

In diesem Absatz sehen wir wie die Verlierer am Tag der Auferstehung ihr Buch der Taten erhalten.Ihr Sprechen wird im Koran festgehalten und durch den Wortlaut werden ihre Emotionen festgehalten.
Im arabsichen Text sehen كِتَابِيَهْ (Kitabiyah)Für das Wort Buch, welches Normaler weise كِتَابِي Kitabi) heisst, aber das extra هْ also ein gesprochenes „äh“ , welches aus der Tiefe der Brust am Ende des Wortes steht, ist ein tiefer Ausruf ihre Verzweiflung und Angst. Deswegen dieser Tiefe laut aus der Brust. Er visualisiert eine klangliche Dramatik und Angst und das Bereuen, dass ihm ja bloß nicht sein Buch gegeben werden soll. Auch bei einem Menschen, wenn dieser aus Verzweiflung und Trauer schreit ist der abklingende Sound einer aus der Tiefe der Brust „aaaaaaanhhhh“. Eine inhaltlich Übersetzung wäre vielleicht, wenn man das Wort aufschreiben würde „O wäre mir doch mein Buuuuuuuuuuch nicht gegeben worden!“

Dieses Prinzip zieht sich in den weiteren Versen durch den ganzen Monolog der Verlierer am Tag der Auferstehung.

„Und wüsste ich nicht, was meine Abrechnung ist“
Das Wort für Abrechnung ist حِسَابِيَهْ (Hisabiyah). Es würde von der zu erwartenden form abgedriftet حِسَابِي (Hisabi) um wieder eine Dramatik durch den Sound des extra هْ (äh) auszudrücken.

„O wäre dies doch nur das Ende (meines Lebens)!“
Hier ist das Wort für Ende الْقَاضِيَةَ „Qadhiyah“, passt ebenso in dieses vorhandene Klangbild und zeigt die dramatische Situation, dass er sich wünscht das er sterben könnte und alles vorbei ist um nicht bestraft zu werden. Auch hier ist am Ende des Wortes ein „hä“, welches die Tiefe für den wünsch seines Sterbens ausdrückt und die dramatische Situation, in der er sich befindet.
Man stellt laute Schreie im folgenden Maß in Schrift da „Aaaaaaaaaaahhhh“. Dieses „h“ symbolisiert den Ausruf aus der inneren Brust und die Verzweiflung.

„Nicht nützt mir mein Besitz“
Das Wort für Besitzt ist “مَالِيَهْ„ (Maliyah). Es würde normalerweise مَالِي heißen, aber die abgeänderte Form dient um wie in den vorigen Absätzen erklärt, dass das „äh“ am Ende des Wortes auf dieses Leiden tief aus dem Herzen hindeutet, dass dieses Besitzt “مَالِيَهْ„ (Maliyah) einem nichts am Tag der Auferstehung bringt.

„Vernichtet ist meine Macht(fülle).“
Das Wort für Macht(fülle) سُلْطَانِيَهْ (Sultaniyah) anstatt „Sultani“ ist dem selben Prinzip entsprechend.
Ein Jammern bzw. Trauerausruf und eine Verlustbekundung, welche wie in den vorigem Vers in dem letzten هْ festgehalten wird, ist aus der tiefe seiner Seele. Er bereute verstehend, dass all sein Besitzt ihm an diesem Tage nichts, rein gar nichts brachte.

Zusammenfassung und Fazit
Wir sehen hier ein Beispiel wie am Tag der Auferstehung derjenige, welchem sein Buch in die Linke gegeben wird, eine Symbolik für die schlechte Abrechnung, also der Niederlage dargestellt wird. All sich selbstbeklagend schreit und kritisiert, dass ihm nichts von seinem Besitzt was brachte und das er sich wünsche das er in den Boden versinken würde. Durch dieses Szenario und die Bedeutung für durch passende Wortendungen, untermauert mit eine aus der Tiefe des Herzens schreiendem „äh“, wird jedes letzte Wort im Vers abgeschlossen um dieses dramatische Szenario und den tiefen Verlust dieses Menschen klanglich zu visualisieren.
Also sehen wir wie die Verwendung des Letzten Buchstabens, welcher die charakteristische Bedeutung des Inhaltes wiedergibt, passend zum Kontext gewählt wurde.

  1. Beispiel
    Eine weiteres Szenario welche der Koran klanglich visualisiert ist das Armageddon, also wie am Tag der Auferstehung alles dahinscheidet. Zum Ende von allem gehört dazu das Inferno der Sonne (ihre Explosion), das brechen der Himmel , das zerstreuen der Sterne und Überlaufen der Meere.
    Beim Beschreiben dieser ganzen Szenarien verwendet der Koran als letzten Buchstabens jedes Verses den Buchstaben تْ (et) auf dem ein sukun (Ruhepunkt) ist, sprich auf diesen Buchstaben wird stehen geblieben. Und dieses stehen bleiben auf dem „ تْ (et)“ hat die klangliche Charakteristik des Endes. Ein abklingendes „ät“ visualisiert sozusagen klanglich das Ende. Ein Beispiel in der englischen Sprache wäre „Thats it“ (das wars). Auf dem „t“ wird stehen geblieben und es vermittelt einen abschließenden Charakter.

Nach diesem Prinzip schauen wir uns die Koranverse an.
Die Verse die den Tag der Auferstehung beschreiben, welcher an sich das Ende der Welt ist, enden alle mit einem „تْ et“.
In den folgenden Versen werden diese Endungen verdeutlicht.

إِذَا الشَّمْسُ كُوِّرَتْ
وَإِذَا النُّجُومُ انكَدَرَتْ
وَإِذَا الْجِبَالُ سُيِّرَتْ
وَإِذَا الْعِشَارُ عُطِّلَتْ
وَإِذَا الْوُحُوشُ حُشِرَتْ
وَإِذَا الْبِحَارُ سُجِّرَتْ

1.„Wenn die Sonne umschlungen wird
2.und wenn die Sterne verstreut werden

  1. und wenn die Berge versetzt werden,
    4.und wenn die trächtigen Kamelstuten vernachlässigt werden
    5.und wenn die wilden Tiere versammelt werden
    6.und wenn die Meere zum Überfließen gebracht werden„

Im arabischen Text endet jedes letzte Wort eines der oben beschriebenen Verse mit einem تْ (et)

1.إِذَا الشَّمْسُ كُوِّرَتْ
Hier wird das Wort كُوِّرَتْ(Kuwirat) verwendet, welches das Aufwölben der Sonne bedeutet, bis diese zu einem großen Feuerball aufgeht und dann explodiert, und das ihr Ende ist. Deswegen das تْ (et) am Ende des Wortes.

2.وَإِذَا النُّجُومُ انكَدَرَتْ
Hier wird das Wort انكَدَرَتْ (inkadarat) genutzt, welches ein stufenweises verdunkeln der Sterne bedeutet. Deswegen wurde der Begriff für das Wasser benutzt in das etwas Dunkels reingegossen wurde bis er dunkel wird.*2
Und der Prozess des letztendlichen Endes, wird dementsprechend auch mit dem تْ (et) festgehalten, dass das Ende des Sternes ausmalt.
Wichtige Notiz : Dieser Begriff für das Ausglühen der Sterne und der des ersten Verses „kuwirat“ (welcher ein aufwölben der Sonne wiederspiegelt, welches von dem Bild eines Mann adoptiert, würde welcher seinen Turban aufwickelt)
Sind die nach heuten wissenschaftlichen Erkenntnis die exaktesten begriff ü, welche diese Vorgänge bildlich darstellen.

3.وَإِذَا الْجِبَالُ سُيِّرَتْ
Auch hier das Ende der Berge سُيِّرَتْ (suwirat). Wieder der „et“ Sound, welcher auf das klangliche Ende festhält.

4.وَإِذَا الْعِشَارُ عُطِّلَتْ
Das Vernachlässigen der Kamelstuteعُطِّلَتْ 3 (3 utilat), auch ein Zeichen der Stunde, weil es wiederspiegelt wie das beliebteste an Gütern bei den Menschen an dem Tag keinen Wert hat bzw. man sich nicht drum kümmert um die psychologische Dramatik dieses Tages festzuhalten.*3

5.وَإِذَا الْوُحُوشُ حُشِرَتْ
An diese Tagen werden die Wildtiere versammelt. Das Wort „Versammlung“ (حُشِرَتْ (huschirat) um Rechenschaft abzulegen wie es in einem Hadith heisst und dieses endgericht sogar unter den Wildtieren wird festgehalten.

6.وَإِذَا الْبِحَارُ سُجِّرَتْ
Das verbrennen der Meere auf diesem Tag der Auferstehung, bis sie ausgebrannt sind und kein Wasser mehr vorhanden ist, wird mit dem Wort
سُجِّرَتْ Sudjirat festgehalten, welche durch das (تْ et) am Ende des Verses wieder einen abschließende Klangcharakter vermittelt, welcher passend zur Bedeutung ist.

Zusammenfassung und Fazit
Wir sehen wie die Versendung exakter Weise durch ihr Klangbild die Bedeutung des Verses wiedergibt, auf welche der Inhalt des Verses eingeht.
Da Ende am Tag der Auferstehung alles sein Ende finden wird sei es die die Sonne, Sterne, Meere, Berge. Darüberhinaus wird Hab und Gut wie das Kamel vernachlässigt und zwischen den Wildtieren wird gerichtet.
All diese Bedeutung wird durch den Laut des letzten Wortes im Vers festgehalten, welcher auf dem enden ( تْ et) ist.
Also das Klangbild versetzt das Hören durch die Töne in eine Endzeitstimmung, welche wie wir sehen ein bilderhafte und zugleich tiefpsychologsichen Rhetorik festgehalten wird. Darüber hinaus sind die Begriffe exakter Beschreibung heutiger wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Wir sehen nochmal die letzten Worte jedes Verses كُوِّرَتْ kuwirat, انكَدَرَتْ inkadarat , سُيِّرَتْ suwirat, عُطِّلَتْ Utilat, حُشِرَتْ huschirat, سُجِّرَتْ sudjirat

Wir sehen all diese Verse die ein Ereignis darstellen und einen stillschweigenden Ruhepunkt bzw. ein Ende. Dies wird durch das klangliche stehen bleiben auf demتْ „et“ vermittelt. Also wird das Ende am Tag der Auferstehung, an dem all die Taten ihr Ende nehmen phonetisch festgehalten und mit dem stehen bleiben auf dem „تْ „et“ verdeutlicht.

Quelle
*1 https://www.dwds.de/wb/Stimmung
*2 Tafsir Al tantawi, Sure Takwier
*3 Tafsir Al Tantawi, Sure Takwier

Töne im Koran, welche ein Bild der Bedeutung zeichnen.

Töne im Koran, welche ein Bild der Bedeutung zeichnen.

Eine der vielen Rubriken der Koranwissenschaften ist jene der Töne und Klänge, so ist die „tadjweed“ Wissenschaft ein besondere Tradition, welche dazu dient, dass Muslime die richtigen Töne bei der Wortaussprache seit Hunderten von Jahren beibehalten. Diese beim Rezitieren vorkommenden Töne stellen nicht nur einen wohltuenden Klang dar, vielmehr tragen sie Bedeutung in sich.
Diese Wortmelodie zeichnet Bilder der Bedeutung ab. Um dieses womöglich etwas komplex klingendes und schwer zu verstehendes Prinzip zu veranschaulichen, folgen nun einige Beispiele.

Das erste Beispiel findet sich in der Sura 103 „Bei dem Zeitalter Die Menschen sind wahrlich im Verlust“ Das Wort für Verlust heißt hier „chusr“ und verliert beim Aussprechen zwei Drittel seines Wortgewichts, sprich der Wortklang des Wortes „Verlust“ verliert vom Anfangsbuchstaben bis hin zum Endbuchstaben beinahe seinen kompletten Wortklang. Somit wird der Verlust der Menschheit neben der Bedeutung auch in dem Klang des Wortes festgehalten und es ergibt sich ein mit dem Ohr vernehmbarer Verlust.

Bezüglich des zweiten Beispiels heißt es im Koran an mehreren Stellen „sei und es ist“, nämlich „kun fäyäkun“. Dies ist eine Redewendung, um die Allmacht Allahs darzustellen, was er mit einem Wort schafft, ohne jegliche Mühe, sein Wort ist das Gesetz des Kosmos und er schafft dieses aus dem Nichts. Neben der Bedeutung des Schaffens aus dem Nichts wird auch diese Bedeutung in Klängen festgehalten, um ein Bild der vollkommenden Macht ins Ohr des Hörers zu bringen. Das Wort „sei“, also „kun“, besteht aus dem „k“, was ein brechender Klang ist, man nennt ihn auch cutting sound, weil er das Wort „cut“ im Englischen schneidet und der Buchstabe „n“ ein vibrierender, lebendiger Klang ist, welcher den Körper bei richtigem Rezitieren in Bewegung bringt.
Also sehen wir, dass sich diese beiden Buchstaben im Klang das schneiden, des Nichts in die Existenz durch das „k“ darstellen und das Leben, sprich die Bewegung, nämlich durch das „n“, ist dieses Wort eine Klang-Veranschaulichung des Schaffens aus dem Nichts durch die Merkmale der gewählten Buchstaben.

Das dritte Beispiel in der Sura 75 „Gewiss, Wir werden dir gewichtige Worte offenbaren.“ Das Wort „gewichtigen“ heißt im Arabischen „Thaqil“, was schon beim Aussprechen einen „gewichtigen“ Klang von sich gibt, denn es besteht ausschließlich aus den schweren Buchstaben „Th“ „Q“ „l“. Somit wird selbst beim Aussprechen dieser Wörter der Klang der Schwere vermittelt, was auch die Bedeutung des Verses ist, nämlich, dass der Koran ein gewichtiges Wort ist. Neben der Bedeutung wird dies somit auch auf einer phonetischen Weise wiedergegeben.

Abschließend
Dies waren einige Beispiele in einem Zweig der phonetischen Wissenschaften des Korans, um die Harmonie und den Klang, welcher sich darin ergibt, darzustellen. Man könnte sein ganzes Leben lang nur diesem Zweig der koranischen Wunder widmen, um zu forschen und man würde dennoch immer etwas Neues entdecken. Welcher Mensch kann, wenn er einen Text schreibt, darauf achten, dass das Gesprochene eine äquivalenten Klang des Wortes ergibt und gerade diese Synonyme dafür wählen, welche am ehesten passen? Diese Rubrik sollte Leute, die sich mit Tönen befassen, auf diesen Aspekt des Korans besonders aufmerksam machen.